40. Jubiläum der Société d’Histoire de la Hardt et du Ried
Die mittel-elsässische Geschichtsgesellschaft Société d’Histoire de la Hardt et du Ried feierte am 18.10.25 anlässlich ihrer Mitgliedeversammlung sein 40. Jubiläum in Art’Rhena. Die Veranstaltung, bei der Amélie Kratz einen Vortrag über Julius Leber im Rahmen des Erinnerungsprojekts vom Gemeindeverband Alsace Rhin Brisach hielt, ist ein wichtiges Forum, um sich über aktuelle Entwicklungen im Bereich regionale Geschichtsforschung, Geschichtsvermittlung und Erinnerungsarbeit auf dem Laufenden zu halten.
Gastgeber der diesjährigen Mitgliederversammlung der Geschichtsgesellschaft, deren Einzugsgebiet 67 Gemeinden zwischen Colmar und Breisach zählt, waren Kunheim und Biesheim. Mehr als 20 Bürgermeister:innen und Gemeinderät:innen, und insgesamt 150 Personen hatten die Einladung angenommen. Sowie die Abgeordnete und Regionalrätin Brigitte Klinkert und der Bürgermeister von Colmar und Regionalrat Éric Straumann. Denn, um seinen 40. Geburtstag zu feiern, hat der Verein Großes vorbereitet. Ein Album, das über 3000 Jahre Geschichte der Region in einer niederschwelligen und reich illustrierten Form behandelt, wird den 2000 Schüler:innen der 4. und 5. Klassen (CM1 / CM2) in den 67 Gemeinden verschenkt. Jean-Philippe Strauel, Vereinsvorsitzende, übergab im Vorfeld der Veranstaltung jedem Anwesendem ein Album.
Das 85-seitige Handbuch wurde unter anderem von der Région Grand Est und der Collectivité européenne d’Alsace gefördert. Es ist in vier Themen untergliedert: archéologie (Archäologie), patrimoines (Kulturerbe), guerres (Kriege) und héritages (Erbe). Jede Doppelseite verbindet einen kurzen Einführungstext in eine Epoche oder in ein historisches Thema (zum Beispiel die Bronzezeit oder die Kultgegenstände) mit einem lokalen bildlichen Beispiel.Das jüdische Kulturerbe ist gut vertreten. Die jüdischen Friedhöfe der Region werden in der Abteilung über das Heilige Römische Reich erwähnt (S.29). Eine Zeichnung vom „Judengarten“ von Mackenheim findet auf der gegenüberliegenden Seite Eingang (S.28). Die vielen Synagogen, die auf die ländliche Form des Judentums zurückzuführen sind, werden aufgelistet und ihre Schicksale im 20. Jahrhundert erklärt (S.41). Günter Boll wird für die Wiederentdeckung der Genisa von Mackenheim am Anfang der 1980er Jahre geehrt. Die erst 2016 wiederentdeckte Genisa von Horbourg-Wihr erwähnte Jean-Philippe Strauel sogar in seinem Rückblick auf die 40 Jahre des Vereins. Ein schöner Ausschnitt mit Storch aus einer Mappot, einer bestickten Torawindel, dieser Genisa ist auf der anderen Seite zu sehen (S.40).
Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und an die Zeit der Annexion durch die NS-Gewaltherrschaft haben dieses Jahr die Arbeit der Geschichtsgesellschaft sehr geprägt. Die jährliche Publikation, annuaire genannt, widmet der Befreiung der Hardt et des Rieds einen 50-seitigen Beitrag mit detaillierten zeitlichen Abläufen für jede Gemeinde und einem Exkurs über die „Poche de Colmar“. Besonders eindrucksvoll ist ein koloriertes Foto der brennenden Synagoge von Grussenheim im Juni 1940 (S.51). Es ist Teil einer Sammlung von 10 ausgewählten Fotos, die anlässlich der Gedenkveranstaltungen zur Befreiung von Grussenheim in einer Ausstellung letzten Februar in Colmar präsentiert wurden. Der in Biesheim geborene deutsche Widerstandskämpfer Julius Leber, dem eine Seite im Album gewidmet ist (S.84), ist auch über seinen ehemaligen Grundschullehrer in der Publikation vertreten. Marc Kaufmann betont den historischen Wert der wiedergefundenen Bibliothek des Biesheimer Lehrers. Deutsche Lehrbücher aus der Zeit der Annexion durch das Kaiserreich wurden tatsächlich oft im Zuge der Rückkehr von Elsass-Mosel an Frankreich und der „Französisierung“ zerstört. Beide Publikationen sind in der Bibliothek des Blauen Hauses zu finden.
Die Zwangsrekrutierung von etwa 130.000 Elsässern und Mosellanern in der Wehrmacht ist ein Schwerpunkt der Erinnerungsarbeit im Elsass in diesem Jahr 2025, wie zwei Wortmeldungen dies zeigten. Brigitte Klinkert, die an dem Tag dem ehemaligen langjährigen Vereinsvorsitzenden Patrick Biellmann die Goldmedaille der französischen Nationalversammlung für seine ehrenamtliche Arbeit verlieh, stellte ihr dreiteiliges Projekt für das Gedenken an die Zwangsrekrutierten vor. Es gehe darum zu „nennen“, „anzuerkennen“ und zu „unterrichten“. Genannt habe der Präsident Emmanuel Macron im November 2024 in seiner Rede anlässlich der Gedenkfeier zur Befreiung von Strasbourg. Dabei hat er die Zwangsrekrutierung als Kriegsverbrechen und das Leid hunderttausender trauernder Familien anerkannt. Die ehemalige Ministerin kündigte an, dass anlässlich der Gedenkfeier zum 11. November eine Gedenktafel zum Gedenken an die Zwangsrekrutierten am Hôtel des Invalides in Paris – ehemaliges Heim für kriegsversehrte Soldaten und Grabstätte hoher Militärs – von dem Präsidenten eingeweiht wird. Das Engagement der Politikerin lässt sich auch an ihren Bemühungen messen, Gedenktafeln in deutschen Militärfriedhöfen, nicht nur in Deutschland und Frankreich, zu installieren. Zuletzt war sie in Lettland, wo über 2000 elsässische Zwangsrekrutierten ruhen. Wie diese Geschichte noch emotional sei, zeigen die wöchentlichen Anrufe von Nachfahren von Zwangsrekrutierten, die kürzlich über das Schicksal ihres Verwandten erfahren haben.
Die Belehrung über die Geschichte der Zwangsrekrutierten sei auch auf gutem Weg. Der nationale Geschichtslehrkräfteverein hat in der letzten Ausgabe seiner Zeitschrift einen Beitrag zu diesem Thema veröffentlicht und veranstaltet am 13. November eine Tagung in Colmar. Ein Vertreter der elsässischen Abteilung des Vereins Souvenir français präsentierte das Handbuch „Sous un uniforme qui n’était pas le leur“ (Unter einer Uniform, die nicht ihre eigene war), das für Geschichtslehrkräfte und Schüler:innen der Mittleren Stufe (collège) konzipiert und mit der Unterstützung der Collectivité européenne d‘Alsace herausgegeben wurde.
In diesem Kontext stieß der Vortrag von Amélie Kratz auf ein aufmerksames und interessiertes Publikum, das sich über das Berliner Projekt zur Errichtung eines Gedenk- und Lernorts Annedore und Julius Leber erfreut hat. Julius Leber wird in den kommenden Jahren bekannter werden. Die zweisprachige Ausstellung reist seit fast einem Jahr in den verschiedenen Gemeinden der Hardt und des Ried.
Die Mitgliederversammlung der Société d’Histoire de la Hardt et du Ried hat eine wichtige Rolle als Forum und Informationsplattform im Elsass und in der Grenzregion. Der Austausch über die jeweiligen Projekte ist eine wesentliche Etappe auf dem Weg zu einer deutsch-französischen Erinnerungskultur. Wir freuen uns, dass die Geschichtsgesellschaft Kooperationspartner der szenischen Lesung „In der Mitte des Netzes“ am 29.11. in Art’Rhena ist.